Gentechnik — Segen oder Fluch?
Wie Monsanto die Welt beherrschen will
Vor etwa zehn Jahren hörte ich den Begriff „Gentechnik“ zum ersten Mal bewusst. Ich war zu einer Lifesendung beim ZDF über zukünftige Entwicklungen eingeladen. Eine Akteurin strich die vermeintlichen Vorteile der Technik vor allem mit dem Argument heraus, hiermit könne dem Hunger in der Dritten Welt begegnet werden.
Anfang letzten Jahres bekam ich vom DNR (Deutscher Naturschutzring) alarmierende Mails, aus denen die großen Gefahren und erheblichen Nachteile der grünen oder Agro- Gentechnik hervorgingen. Deswegen gründeten wir gemeinsam mit Landwirten Mitte 2007 die „Initiative Gentechnikfreies Osnabrücker Land“. Im Oktober hatten wir den brasilianischen Experten Dr. Antonio Andrioli zu einem gut besuchten Vortrag zu Gast und Anfang 08 veranstalteten wir eine Podiumsdiskussion mit Landtagskandidaten zum Thema. Jetzt haben wir zusammen mit der entsprechenden Initiative aus der Nachbarstadt Münster Vereinbart, dass der Träger des alternativen Nobelpreises und kanadische Bauer, Percy Schmeiser, im Juni hier in der Region einen Vortrag hält.
Im Gegensatz zur herkömmlichen Züchtung werden bei der Gentechnik für Erreichung gewünschter Eigenschaften über Artgrenzen hinweg fremde Gene in die Gensequenzen der entsprechenden Pflanze eingebaut. Ethisch gesehen ist dies ein Eingriff in die Schöpfung. Entsprechendes Saatgut muss bei den Agromulties gekauft werden. Es handelt sich hier um ein Oligopol von Firmen, die den Weltmarkt beherrschen, allen voran Monsanto mit einem Marktanteil von etwa 90%. Ferner sind als wesentlich zu nennen Syngenta, Pioneer, DOW, Dupont, BASF und Bayer.
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen grüner (Pflanzen-/Agro-), roter (Tiere) und weißer (medizinischer) Gentechnik. In diesem Artikel soll die Agro- und ansatzweise die rote Gentechnik behandelt werden.Bei der medizinischen Gentechnik handelt es sich um die Herstellung von Medikamenten in geschlossenen Systemen. Es wird davon ausgegangen, dass hier bei qualifizierter Vorgehensweise im Prinzip keine Gefahr zu erwarten ist, obschon es in den USA mit mindestens einem Medikament Probleme gab und die Fa. Showa Denko zwei Milliarden Dollar Schadenersatz an über 2000 Patientinnen zahlte (Jeffry M. Smith: „Trojanische Saaten“).
Parallel zur Gentechnik ist die Problematik der Patentierung zu sehen. Anträge auf Erteilung von Patenten auf DNS von Pflanzen und Tieren (aber auch Menschen) werden offensichtlich von den Patentämtern erteilt. Somit beanspruchen die Agro-Chemiekonzerne das Exklusivrecht auf ihre Produkte. Dies hat in nicht so wenigen Fällen dazu geführt, dass auf Feldern Genpflanzen gefunden wurden, ohne dass die Bauern wissentlich entsprechende Saat eingesetzt hatten. Sie mussten Strafen an Monsanto zahlen. Diese Firma ist dafür bekannt, dass sie sogar Detektive einsetzt, um entsprechende Fälle herauszufinden.
Die gesetzlich vorgeschriebenen Abstandsflächen von 150 m zwischen Genfeldern und konventionell bewirtschafteten Flächen sowie 300 m zu Bioanbau sind nicht ausreichend um zu verhindern, dass Genpollen übertragen werden. Bienen können Pollen über bis zu zehn km transportieren, der Wind noch sehr viel weiter. Weitere Übertragungsmöglichkeiten von GVOs (gentechnisch veränderte Organismen) ergeben sich durch Verluste bei Transport von Ernte oder Saatgut bzw. unsauberer Bearbeitung bei Saatgutfirmen. Wenn erst einmal unbeabsichtigt Genpflanzen auf einem Acker gewachsen sind, kann es im nächsten Jahr zu Durchwuchs und damit erneutem Auftreten von unerwünschten GVO-Pflanzen kommen. Das Ergebnis wäre, dass konventionelle und Biofelder irgend genbelastet sein könnten und die Ernte nicht mehr als gentechnikfrei bezeichnet werden kann. Derartig betroffene Landwirte hätten also einen wirtschaftlichen Schaden. Und die Verbraucherinnen würden
— wahrscheinlich unwissend - Gennahrung zu sich nehmen.
Eine in ihren Auswirkungen noch nicht vollständig erkannte weitere große Gefahr besteht darin, dass die genveränderten Organismen auch transgene DNS erzeugen. Diese können durch so genannte horizontale Verbreitung ihre veränderten Gensequenzen auf andere Arten übertragen. Die Folgen sind hier überhaupt nicht abschätzbar.Bei den Genpflanzen, die zum kommerziellen Einsatz freigegeben sind handelt es sich um Mais, Soja, Raps, Reis und Baumwolle. Auf Versuchsfeldern werden Kartoffeln, Weizen, Erbsen, Zuckerrüben, Tabak und Wein angebaut. Auch mit Obstbäumen wird experimentiert. In Frankreich, Polen, der Schweiz. Österreich und Griechenland ist Genmais inzwischen verboten.
Hinsichtlich der roten Gentechnik werden z.B. Kühen entsprechende Hormone gespritzt, damit sie mehr Milch geben. Unter anderem traten hierdurch Euterentzündungen auf, in deren Folge Verunreinigungen in die Milch gelangten. Ferner werden Fische gentechnisch verändert, damit sie schneller wachsen und größer werden. Tatsächlich entkommen hin und wieder genveränderte Fische aus ihren Unterwasserkäfigen. Welche Folgen eine Vermischung mit normalen Fischen hat, ist unbekannt. Zurzeit versuchen Agro-Chemiekonzerne, Patente auf Schweine zu erlangen. Dies würde bedeuten, dass schon jetzt zur Zucht eingesetztes Borstenvieh dem Patentinhaber gehören würde und die entsprechenden Landwirte Gebühren an den Konzern bezahlen müssten. Auch auf Kuhgene gibt es inzwischen Patente.
Europa ist noch weitestgehend von Gentechnik frei. Nennenswert wird nur angebaut in Rumänien und Spanien, in Deutschland gibt es nur auf 0,15 % der Flächen entsprechende Pflanzen (kommerziell nur Mais, sonst Versuchsanbau) und eine große Anzahl von Initiativen für gentechnikfreie Regionen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Europa noch vollständig wieder gentechnikfrei gemacht werden kann.
In Ländern wie USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Indien, China und Südafrika ist die Situation soweit fortgeschritten, dass die Entwicklung wohl nicht mehr zurückzuholen ist.
Was sind nun tatsächlich die Gefahren und Nachteile der Gentechnik?
Bei Ernährungspflanzen (Agro-Gentechnik), um die es hauptsächlich geht, werden Gensequenzen so verändert. dass z.B. Mais ständig ein eigenes Pestizid gegen den hierzulande allerdings fast nicht vorhandenen Schädling Maiszünsler bildet. Dieses Pestizid geht natürlich auch in den Boden und ins Grundwasser. Reste verbleiben in den Maiskörnern. Wie diese Giftstoffe auf Menschen und Tiere wirken, ist nur zum Teil bekannt. Bekannt geworden sind Einzelfälle, bei denen z.B. US-Farmer festgestellt haben, dass bei Verfütterung von Gen-Mais an Kühe diese unfruchtbar geworden sind. Nach Fütterungsversuchen mit verschiedenen Genfrüchten wurden bei Mäusen Lungenentzündungen sowie Leber- und Enzymveränderungen, bei Ratten Nierenerkrankungen, Wachstumsstörungen und Veränderungen des Immunsystems festgestellt und bei Schweinen wurde das Toxin des Maispestizids in Darm und Kot gefunden. Auf den Philippinen sind Menschen erkrankt, die in der Nähe von Genmaisfeldern wohnten; von Genmais wurden auch Allergien ausgelöst (Jeffrey M. Smith: „Trojanische Saaten‘).
Wenn die Gensequenzen dergestalt verändert sind, dass die Pflanzen resistent sind gegen Herbizide — dies ist eine andere Spielart — kann ein bestimmtes Herbizid (z.B. Roundup der Fa. Monsanto) gegen alle „Unkräuter‘ eingesetzt werden, ohne dass die Fruchtpflanze Schaden nimmt. Die Erfahrung hat allerdings gezeigt, dass immer mehr Glyphosat (so der Name des Grundstoffs) eingesetzt werden muss, da die Beikräuter hiergegen resistent werden. Diese Chemie geht natürlich auch in Boden und Grundwasser. Durch Pflanzen erzeugte Pestizide und große Mengen Gift gegen Beikräuter führen auch dazu, dass nützliche Kleinlebewesen abgetötet werden. Hinsichtlich der Verabreichung entsprechender Mittel an Kühe zwecks Leistungssteigerung, wird eine konkrete Krebsgefahr bei den Konsumenten der Milch gesehen (Jeffrey M. Smith: „Trojanische Saaten“).
Da es keinen Schwellenwert bei Saatgut gibt, sieht das geltende Recht vor, dass hier auch der kleinste Anteil Gentechnik gekennzeichnet werden muss. Futtermittel müssen bei über 0,9 % GVOs pro Komponente die entsprechende Angabe führen. Bei pflanzlichen Lebensmitteln ist jeder GVO-Anteil anzugeben. Tierprodukte können mit „ohne Gentechnik“ gekennzeichnet werden, wenn die Futtermittel keinen Hinweis auf Gentechnik trugen. Honig wurde nicht in die Gesetzgebung einbezogen.
Alle Lebensmitteln zugesetzten genmäßig hergestellten Aromen und Enzyme müssen nicht auf dem Endprodukt angegeben werden. Ein weiterer Graubereich scheinen Gen-Vitamine und entsprechende Nahrungsergänzungsmittel zu sein, obwohl selbst US-Bürger hier mit überwältigender Mehrheit eine Kennzeichnung fordern. Abschließend kann man sagen, dass die Mär von höheren Erträgen nicht stimmt. Ernten fallen bei gentechnisch veränderten Pflanzen sogar oft geringer aus. Der Hunger in der Dritten Welt kann auf diese Art sicher nicht gestillt werden. Unabhängig davon handelt es sich hier um ein Verteilungsproblem: grundsätzlich sind genug Lebensmittel auf der Welt vorhanden, um alle satt zu machen. Die wesentlichsten Nachteile sind aber, dass die Gentechnik letztlich eine nicht unerhebliche Gesundheitsgefahr für Menschen und Tiere dar stellt. Vor allem durch die Patente der Agromulties entstehen höhere Kosten, hauptsächlich wegen teurerem Saat gut (bei so genanntem Terminatorsaatgut würde zurückbehaltene Saat nicht wiederaufgehen), die sich durch Verteuerungen bei Lebensmitteln mehr und mehr bemerkbar machen werden. Unterm Strich kann fest gestellt werden, dass man die Gentechnik — mindestens was Ernährung anbelangt — nicht als Segen, sondern wohl eher als Fluch bezeichnen muss. Überhaupt ist es leichtsinnig, dass vor dem Hintergrund, dass 80% der Bundesbürgern Gentechnik ablehnen, der Gesetzgeber Genmais kommerziell und andere Pflanzen versuchsweise zulässt. Rolf Brinkmann, ecovillage e.V. Initiative Gentechnikfreies Osnabrücker LandTel/Fax 054 1-445941ecovillage(at)gmx.deQuelle: W+G06/08 Nr. 127
Ein Ammenmärchen
Die Atomenergie steht ungerechtfertigt im Ruf günstigen Strom zu
produzieren. In Wahrheit handelt es sich um eine Branche, bei der trotz Privatisierung in realsozialistischer Manier immer noch der Staat haftet, falls etwas schief geht. Die Befürworter der Kernenergie und damit eines Endlagers Gorleben behaupten oft, der Kernkraftstrom sei preiswerter im Vergleich zu anderen, insbesondere erneuerbaren Energien.
Betriebswirtschaftlich trifft dies sicherlich zu. Da die Kernkraftwerke inzwischen wohl größtenteils abgeschrieben sein dürften, rechnet sich dies betriebswirtschaftlich sogar sehr gut. Bei der lediglich betriebswirtschaftlichen Rentabilitätsberechnung des Kernkraftstroms fehlen indes mehrere entscheidende Kostenblöcke, die als betriebs-externe Kosten für die Gesamtheit der deutschen Volkswirtschaft anfallen.
Diese externen Kostenfaktoren bei der Erzeugung von Kernkraftstrom hat, übrigens schon unter der Regierung von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl, das damalige Bundeswirtschaftsministerium 1992 durch die renommierte Baseler PROGNOS AG berechnen lassen. Diese Studie der PROGNOS AG trägt den Titel:
"Identifizierung und Internalisierung der externen Kosten der Energieversorgung."
Aus ihr geht hervor, daß bei Berücksichtigung der externen Gesamtkosten der wirkliche für die deutsche Volkswirtschaft entstehende Preis einer Kilowattstunde Kernkraftstrom schon damals circa 4 DM betragen hat. Das wären heute circa 2 ?.
Die günstigen Produktionskosten für Ökostrom betragen bei Windkraftstrom 0,06 Euro pro Kilowattstunde. Der Höchstpreis für solaren Ökostrom beträgt inklusive 19 % Mehrwertsteuer aktuell 0,68 Euro. Wenn aber, volkswirtschaftlich gesehen, der Kernkraftstrom mindestens doppelt so viel kostet wie die erneuerbaren Energien, warum, in Himmels Namen, sollen wir, das deutsche Volk uns dann diese ganze entsetzliche Umweltproblematik (Tschernobyl!) der Kernenergie weiterhin "ans Bein binden"?! Man wird vielleicht einwenden, das Kind sei schon in den Brunnen gefallen, d.h. wir haben nun einmal Kernkraftwerke.
Darauf antworten wir: errare humanum, perseverare diabolicum!
Anders gesagt, und um das Bild von eben aufzunehmen: man hole das Kind doch
endlich aus dem Brunnen!
Das wird nicht von einer Sekunde auf die andere gehen, aber es muß gelten:
So viel erneuerbare Energien, wie irgend möglich, und so wenig Kernenergie, wie unumgänglich notwendig. Es gibt auch grundlastfähige erneuerbare Energien, zum Beispiel Biomasse und Geothermie. Es gibt nicht nur Wind und Sonne.
Wegen der Treibhausgefahr auf Kernkraft zu setzen, hieße den Beelzebub mit dem Teufel austreiben zu wollen. In 32 Jahren, die der Atomausstieg vorsieht, müßte eine Industrienation wie Deutschland doch in der Lage sein, diesen Strukturwandel hin zur dezentralen erneuerbaren Energieerzeugung zu bewältigen. Dadurch wäre Deutschland auch weniger verwundbar durch den Terrorismus.
Jeder lange Weg beginnt nun einmal mit dem ersten Schritt, sprich mit dem ersten Kernkraftwerk, das abgeschaltet wird. Das würde ein Endlager, wo auch immer, zwar nicht überflüssig machen, aber das Entsorgungsproblem nicht unnötig noch mehr vergrößern und verschlimmern.
Schadensbegrenzung ist angesagt.
Quelle:
http://www.oekosmos.de
http://www.temelin.de
Zweiter Unfall in zwei Wochen
Erneut ist in einer französischen Atomanlage radioaktive Flüssigkeit ausgelaufen
Die Mitarbeiter der französischen Atomaufsicht ASN sind nicht zu beneiden. Kaum hatten sie die Öffentlichkeit im Detail über die Vorfälle in der Atomanlage Tricastin am 7. Juli informiert, da mussten sie am Freitag einen weiteren Fall bekanntgeben. In einem Betrieb in Romans-sur-Isère in der Nähe von Grenoble war den Betreibern am Donnerstag aufgefallen, dass aus einer Leitung eine Uran-Lösung austrat. Offenbar war das Rohr schon seit Jahren schadhaft.
Die Fälle seien nicht vergleichbar, erklärte ASN sofort. In Romans seien maximal 750 Gramm Uran ausgetreten, aber in der Anlage geblieben. Das wäre ein Hundertstel der Menge, die in Tricastin bei Avignon in die Umwelt gelangt ist. Auch Bruno Chareyron von der atomkritischen Organisation Criirad sagt, die Auswirkungen für die Umwelt in Romans seien wohl gering. "Aber wie kann es denn sein, dass die ein solches Leck mehrere Jahre lang nicht finden?"
In Tricastin sind weit größere Fehler passiert, wie aus der Fachzeitschrift Nucleonics Week und Mitteilungen der ASN hervorgeht. Einige Tage vor dem Unfall beschädigte offenbar ein Baustellenfahrzeug ein Rückhaltebecken. Die Betreiber der Anlage machten sich aber nicht die Mühe, den Schaden zu beheben, womöglich weil die so gesicherten Tanks in einigen Wochen ersetzt werden sollten. Dann ging am Abend des 7. Juli gegen 19 Uhr an einem der fünf Tanks mit uranhaltiger Flüssigkeit der Überlaufalarm los. Die Angestellten fanden die Ursache nicht und beschlossen daraufhin, die Meldung zu ignorieren.
Drei Stunden später fiel einem der Mitarbeiter zufällig auf, dass in dem Rückhaltebecken unter den Tanks Flüssigkeit stand. Wieder eine Stunde später, um 23 Uhr, erschien der Manager der Nachtbereitschaft. Die Mannschaft stellte nun fest, dass neben dem beschädigten Rückhaltebecken eine Lösung im Erdreich versickert war. Es dauerte vier Stunden, bis die Angestellten bemerkten, dass einer der fünf Tanks leer war. Nach Wartungsarbeiten am Tag zuvor hatte jemand ein Ventil nicht komplett geschlossen. Und eine weitere Stunde später, also nach vier Uhr morgens am 8. Juli, erkannte das Team schließlich, dass radioaktive Uranlösung in die Abflüsse für Regenwasser gelaufen war.
Eilig hatten es die Männer auch dann nicht. Um 5.30 Uhr wurde Alarm in der Anlage ausgelöst, um 7.30 Uhr die Atomaufsicht ASN informiert. Und erst um 14 Uhr, also 19 Stunden nach dem ersten Alarm, erfuhren die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden von dem Unfall. Die ASN hat darum der bereits in früheren Jahren verwarnten Betreiberfirma Socatri vorgeworfen, nicht sofort "Nationalen Alarm" ausgelöst zu haben. Dann wären alle Behörden gleichzeitig benachrichtigt worden; die Verbote, in den anliegenden Flüssen und Bächen zu angeln oder Wasser zu verwenden, hätten um Stunden früher gegriffen.
Die Versäumnisse haben den Chef des Betriebs inzwischen seinen Posten gekostet. Daneben muss die Betreiberfirma strenge Auflagen erfüllen. ASN-Inspektoren hatten festgestellt, dass zwei der fünf Tanks leckten. Dann wurden von mehreren Grundwasserbrunnen rings um Tricastin verwirrende Messwerte bekannt. So rückte eine Deponie ins Blickfeld, in der Abfälle von der Atombombenproduktion ohne weitere Abdichtung verscharrt worden waren. Darum, sagt der Criirad-Sprecher Chareyron, gebe es schon seit Jahren Uran-Spuren im Grundwasser. Die Anwohner machen sich daher Sorgen um ihre Gesundheit und die ihrer Kinder. Und die Regierung in Paris hat angeordnet, das Grundwasser in der Nähe aller Reaktoren und Nuklearanlagen überprüfen zu lassen, um die Öffentlichkeit zu beruhigen.
Die Frage ist, ob ihr das gelingt. Ex-Umweltministerin Corinne Lepage beklagte nach dem zweiten Vorfall in zwei Wochen mangelnde Investitionen in die Sicherheit. Die Vorfälle hätten die Schwäche der Atomstromindustrie vor Augen geführt. Nachdem es sowohl in Tricastin als auch in Romans-sur-Isère jahrelang Probleme und Verstöße gegen Auflagen gegeben hat, liegt der Vorwurf der Schlamperei nahe. "Die Leute sind nicht vorsichtig genug", sagt Chareyron.
Verwunderung dürfte auch auslösen, dass voraussichtlich beide Vorfälle auf der internationalen Ines-Skala der Atomunfälle, die von Null bis Sieben reicht, auf dem Niveau Eins eingestuft werden. Schon bald nach der Freisetzung in Tricastin hatten Umweltschützer moniert, der Unfall gehöre in die Kategorie Drei. Er wäre dann keine "Anomalie" mehr, sondern ein "ernster Störfall".
Zur Begründung verweist Heinz Smital von Greenpeace auf die Verfahrensregeln für die Ines-Einordnung. Demnach gehört ein Unfall in Kategorie Drei, wenn außerhalb des Geländes ein Mensch ungefähr so viel zusätzliche Strahlung abbekommen hat, wie die natürliche Hintergrundstrahlung in vielen Teilen Europas ausmacht. Dafür hätte es genügt, ein halbes Gramm Uran aufzunehmen. Das wären drei Schnapsgläser der ursprünglich in Tricastin ausgeflossenen Lösung. Die Behörden halten das für ausgeschlossen: Da sich die Uran-Flüssigkeit in den Gewässern sofort stark verdünnt habe, habe es zu keiner Zeit eine Gefahr für die Bevölkerung gegeben, sagte Thierry Charles vom Institut für Strahlenschutz gegenüber Nucleonics Week.
Das sehen Umweltschützer anders. Angesichts der langen Zeitspanne zwischen dem Unfall und der Reaktion der Behörden hatte Stéphane Lhomme, Sprecher der Atomgegner Sortir du Nucléaire, direkt nach dem Unfall gesagt: "Es ist wahrscheinlich, dass jemand kontaminiertes Wasser getrunken und jetzt Ablagerungen in seinem Körper hat." Heinz Smital ergänzt: "Letztlich läuft es darauf hinaus, wer die Beweislast dafür hat, dass jemand geschädigt worden ist." CHRISTOPHER SCHRADER
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.167, Samstag, den 19. Juli 2008 , Seite 22
www.temelin.de


