Plantagen für Palmöl
Ein Münchner Biologe berechnet, wie Brandrodung in Indonesien den Klimawandel anheizt.
Erneuerbare Stoffe, zum Beispiel Biosprit, sollen ein Energieproblem entschärfen. Sie sparen, so die reine Lehre, endliche Ressourcen und setzen beim Verbrennen vergleichsweise wenig Treibhausgase frei.
Dass solche Rechnungen nicht immer aufgehen, darüber sind sich die Fachleute mittlerweile einig. Bio-Sprit aus mexikanischem Mais etwa oder brasilianischem Zuckerrohr, sind umwelt- und entwicklungspolitisch eine Fehlzündung. Vor allem aber ist Palmöl in den vergangen Monaten in die Kritik geraten. 800000 Tonnen wurden im letzten Jahr in die Bundesrepublik importiert, vor allem um sie — bislang noch staatlich gefördert — zur Stromproduktion zu verfeuern. Rund 80 Prozent stammen von Plantagen in Indonesien und Malaysia.
Für die Palmenplantagen wird meist nicht nur die Fläche mit gelegten Bränden vom Urwald freigezündelt, der Landfraß zerstört auch die küstennahen Torfflöze, die den Untergrund bilden. Mit verheerenden ökologischen Folgen: Zwischen 13 und 40 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emission müssen mit den großen indonesischen Bränden alleine 1997 in die Atmosphäre gelangt sein, insgesamt also bis zu knapp 10 Milliarden Tonnen. Das hat der Umweltforscher Florian Siegert zusammen mit Forschern aus Großbritannien und Indonesien berechnet. Jeweils zwischen drei und mehr als zehn Prozent des C02-Ausstoßes weltweit stammen von den neuerlichen Brand-Episoden. Der Landhunger der Plantagen-Konzessionäre in Indonesien ist unersättlich, zumal die Regierung das Ziel ausgegeben hat, die Anbauflächen für Ölpalmen jährlich um 500 000 Hektar auszuweiten. Deutschland will seine Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2020 um etwa ein Fünfzigstel senken und definiert dies als ehrgeiziges Klimaziel. Indonesisches Palmöl von brandgerodeten Flächen dürfte da jedenfalls in der deutschen Stromwirtschaft keine allzu zukunftsträchtige Energiequelle sein.
SZ, 11.04 .2007
Bedenklicher Biosprit von „Grünen Wüsten“
Die „Biosprit-Lüge“ entwickelt eine katastrophale Dynamik, die die Welt erschüttert. Doch auch der weltweite Widerstand wächst.
Große Regenwaldflächen sind in Kolumbien inzwischen in Palmöl Plantagen verwandelt worden, angeheizt durch den „Energiedurst“ in den Industriestaaten auf so genannte „Umweltfreundliche Energie“ aus nachwachsenden Rohstoffen.
Der Boom hat katastrophale Konsequenzen für Tausende kolumbianische Kleinbauern und -bäuerinnen. Paramilitärische Gruppen gehen auf der Suche nach Land für Palmöl mit inzwischen brutaler Gewalt vor. Sie sagen dem Kleinbauern einfach:
Wenn du nicht verkaufst, verhandeln wir morgen mit Deiner Witwe.
Treibhausgase würden deutlich reduziert, wenn unsere Autos mit Biosprit fahren, bei dem die Pflanzen das ausgestoßene CO² vorher gebunden haben. Länder ohne eigene Ölproduktion würden in Sachen „Energie“ unabhängiger, Kleinbauern und -bäuerinnen hätten ein höheres Einkommen, weil sie ihre Energiepflanzen auf dem Weltmarkt anbieten könnten. Arme Länder würden plötzlich reich, weil sie ihre Energie vom Acker überall auf der Welt anbieten könnten. Alles eine gigantische, globale Lüge!
Agrarenergie rettet nicht das Klima, sondern zerstört Regenwälder, Savannen und Moore und heizt damit die Klimakatastrophe zusätzlich an. Farmerinnen und Indigene werden teils brutal von ihren Ländereien vertrieben. Als Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau verschärft Agrarenergie den weltweiten Hunger und wird zum sozialen Sprengsatz. Die Gentechnik-Industrie träumt endlich vom globalen Durchbruch und schmiedet gemeinsam mit Öl-, Pestizid-, Saatgut- und Autokonzernen an einem globalen Energiekartell, das Milliarden an Subventionen erhält. Obwohl inzwischen Hunderttausende Ethanol- und Palmölsklavinnen im Namen des Agrarenergie-Booms schuften, wird eine größere Unabhängigkeit vom Erdöl nicht erreicht.
Superkonzerne wie MONSANTO, SYNGENTA, BAYER UND BASFinvestieren wie wild in Agrarpflanzen, die den Anforderungen der Agrarsprit-Produzenten entsprechen. Noch gezieltere und höhere Erträge verspricht die Gentechnik-Industrie.
In den USA sind 70 Prozent der Mais- und Sojapflanzen gentechnisch verändert. SYNGENTA hat in die Maissorte 3272 das Enzym Alpha-Amylase eingepflanzt, ein starkes Allergen. Gelangen die Gene dieses Enzyms in die Nahrungskette, wäre das ein Super-GAU.
Auch die Bundesregierung, die EU und die Verbraucher subventionieren die Produktion und den Einsatz von „Agrarkraftstoffen“.Agrarenergie bremst nicht den Klimawandel, sie heizt ihn kräftig an. Allein durch das Abfackeln von Regenwäldern und Torfgebieten in Südostasien zur Schaffung von Platz für Palmölplantagen werden Megatonnen CO² freigesetzt, bevor auch nur ein Gramm CO² hierzulande eingespart wird.
In Brasilien, das weltweit führend in der Produktion von Ethanol als Treibstoff ist, stammen 80 Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen nicht vom Autoverkehr, sondern von Brandrodung und Abholzung, teils als Folge der Ausweitung der Soja- und Zuckerrohrplantagen. Schon heute ist ein wesentlicher Grund für die Klimakatastrophe das Agrobusiness selbst und das damit verbundene globale Ernährungssystem. Wichtigster Einzelgrund ist der Einsatz gigantischer Mengen Kunstdünger, wodurch Stickoxide in die Atmosphäre gelangen, die noch wesentlich schädlichere Klimagase sind als CO².
Völlig unrealistisch ist die Annahme, dass die weltweiten Äcker den globalen Energieverbrauch zu decken vermöchten. Selbst wenn die USA ihre gesamte Mais- und Soja-Ernte in Agrarsprit verarbeiteten, könnten damit lediglich 12 Prozent des nationalen Benzinverbrauchs gedeckt werden.
Agrartreibstoffe bekämpfen nicht die Armut in den Ländern des Südens — sie bekämpfen vielmehr die Armen. Die große Mehrheit der Farmer dort besitzt nur wenig Land. Die Produktion auf kleinen Flächen zur Deckung des weltweiten Energiebedarfs ist nicht rentabel. Für Agrarkraftstoffe werden daher ganze Landstriche in industrielle Monokulturen umgewandelt. Das Geschäft machen Konzerne und Großgrundbesitzer. Die Folge sind schwerste Menschenrechtsverletzungen und Vertreibungen.
Über 100 Umweltgruppen fordern von der EU ein sofortiges Moratorium für Agrarkraftstoffe.
Auszug a. d. „Regenwald Report 3/2007“ — www.Regenwald.org

